236 | Mitglieder der Genossenschaft bildender Künstler Wiens (1861)

Die Genossenschaft

„Im allgemeinen haben alle Mitglieder gleiche Rechte und Verbindlichkeiten, gleichen Antheil an dem Vereinsvermögen, Zutritt zu allen Versammlungen, das Recht in denselben Anträge zu stellen, das gleiche Wahl- und Stimmrecht, insoferne nicht in diesen Statuten eine Ausnahme bestimmt ist.“ Aus: Statuten, Wien, 29.4.1861

Am 7. November 1861 konstituierte sich aus der Verbindung der Kunstvereine „Albrecht Dürer“ und „Eintracht“ die Genossenschaft der bildenden Künstler Wiens. Mit der Genossenschaft wählte man eine Form des Zusammenschlusses, die neben dem Förderprinzip der Mitglieder Grundsätze der Selbsthilfe, der Selbstverantwortung und Selbstverwaltung betonte. Entscheidungen wurden auf demokratischer Basis getroffen. Gemeinsam und gleichberechtigt unterhielt man einen genossenschaftlichen Geschäftsbetrieb, dessen Mitglieder Miteigentümer und Kapitalgeber gleichermaßen waren. Die Geschäfte der Genossenschaft wurden zunächst durch einen ehrenamtlich tätigen Ausschuss geführt; erst nach 1919 bezahlte man Repräsentationspauschalen. Der Ausschuss bestand aus acht oder neun Mitgliedern, unter anderem aus einem Vorstand (ab 1914 gab es einen Präsidenten), Vorstandsvertreter, Schriftführer, Kassaverwalter und Hausarchitekt. Unterstützt wurde er durch Komitees für besondere Aufgaben, wie etwa das Vergnügungskomitee oder die Fondskomitees. Die Genossenschaft setzte sich aus ordentlichen, außerordentlichen und Ehrenmitgliedern zusammen. Ordentliche Mitglieder konnten nur bildende Künstler sein.

Von Anfang an sollte die Genossenschaft durch gesellige Aktivitäten gestärkt werden. Deshalb verfügte das genossenschaftseigene Künstlerhaus, das durch gemeinschaftliche Anstrengungen 1865 bis 1868 errichtet wurde, neben Ausstellungsräumen über eine Reihe von Gesellschaftsräumen (Casino, Spielezimmer, Bibliothek, Lesezimmer), die von den Mitgliedern und deren Freunden genutzt werden konnten. Gesellige und ökonomische Aspekte waren dabei auf das Engste verwoben: Nicht Mitglied der Vereinigung zu sein hatte wirtschaftliche Nachteile, da man nicht nur von gesellschaftlicher Anerkennung, sondern auch von einer Reihe staatlicher Vorhaben ausgeschlossen war. Denn die Genossenschaft führte neben eigenen und internationalen Ausstellungen auch die österreichischen Präsentationen der Internationalen Weltausstellungen durch, entwarf Petitionen, empfahl den Behörden Sachverständige, kümmerte sich um Urheberrechte und vergab Preise und Stipendien. Neben der Kunstförderung durch die Vergabe verschiedener Ehrungen und Preise an die Mitglieder des Künstlerhauses unterhielt man eine Reihe von sozialen Unterstützungen. Letztere kamen in bescheidenerem Umfang auch Nicht-Mitgliedern zugute.

Künstlerinnen wurden in den ersten neunzig Jahren des Bestehens der Genossenschaft/Gesellschaft, auch wenn sie von den Statuten her nicht prinzipiell von der Mitgliedschaft ausgeschlossen waren, nicht aufgenommen, sieht man von Mathilde Esch 1861 ab. (Zwei Jahre später trat Esch ohne Angabe von Gründen aus der Vereinigung wieder aus.) Auch wenn Künstlerinnen immer wieder als Gäste im Künstlerhaus ausstellten, hing dies vom jeweiligen Wohlwollen des Vorstands ab. Die Aufnahme von Künstlerinnen als ordentliche Mitglieder wurde erst 1951 unter politischem Druck durchgesetzt.

Quellen: Hausakten 1865, Broschüre Wiener Künstlerhaus, 1866, Karton: 5 a; Statuten und Geschäftsordnungen 1856–1925, Statuten 1861, Karton: 16; Ausstellungen, 1864–1868, Karton: 2; Bericht über das Wirken des Hauptvorstandes der deutschen Kunstgenossenschaft, 01.09.1869; III. Deutsche Kunst-Ausstellung, Kat., 1869; Wladimir Aichelburg, Das Wiener Künstlerhaus, 1861–1986, Wien 1986, S. 42f; Wladimir Aichelburg, Die Künstlergenossenschaft und ihre Rivalen Secession und Hagenbund (Das Wiener Künstlerhaus 1861–2001, Bd. 1), Wien 2003, S. 36ff und 87ff; Protokoll der Ausserordentlichen Generalversammlung, 04.05.1926; Protokoll der Generalversammlung, 29.01.1945; Protokoll über Monatsversammlung, 15.11.1951; Protokoll über die Generalversammlung, 29.11.1951; Protokoll der Generalversammlung 1952; Rede des Herrn Präsidenten Prof. Karl M. May bei der Monatsversammlung am 21.04.1954; Protokoll zur Fachsektionssitzung der IV. Sektion, 06.09.1979
http://www.wladimir-aichelburg.at/kuenstlerhaus/mitglieder/
http://www.wladimir-aichelburg.at/kuenstlerhaus/mitglieder/die-kunstlerin/
Aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes wurde auf die Angabe von Namen verzichtet und nur das Dokument vermerkt. Alle Quellen stammen aus dem Archiv des Künstlerhauses.

Genossenschaft der bildenden Künstler Wiens (Hg.), Statuten der Genossenschaft der bildenden Künstler Wiens, Wien 1861
Genossenschaft der bildenden Künstler Wiens (Hg.), Statuten der Genossenschaft der bildenden Künstler Wiens, Wien 1861
Genossenschaft der bildenden Künstler Wiens, 1. und 2. Quartalsbeitrag, 1876
Genossenschaft der bildenden Künstler Wiens, 1. und 2. Quartalsbeitrag, 1876