5 | Einmietung (in Mio. Schilling) von Privatsammlungen in das Künstlerhaus (2000)

Vermietungen an private Sammler

„(…) verbindet man sich mit dem Kapital oder verbindet man sich mit dem Ministerium, dem Staat. Der Staat hat das erste Sparpaket. Es kommen aber noch hundert andere und dann wird man sehen, daß der Staat für das Künstlerhaus nicht mehr 500.000, nicht mehr 400.000, sondern überhaupt kein Geld hat … mir ist ein Kapitalist lieber als der Staat.“ Aus: Protokoll der Außerordentlichen Hauptversammlung, 8.5.1996

Hans Mayr initiierte in den 1970er Jahren zwei Ausstellungen mit Werken aus der Sammlung Peter und Irene Ludwig: 1977 Kunst um 1970 (Pop Art und Photorealismus) und 1979 Kunst aus der DDR. Die Ausstellung Kunst um 1970 sollte auch eine Diskussion über den Stellenwert zeitgenössischer Kunst in Österreich und das Sammeln dieser Kunst anstoßen. Im Prinzip ging es darum, den Staat in die Pflicht zu nehmen, sich zeitgenössischer Kunst anzunehmen und private Initiativen zu fördern. Tatsächlich wurde Kunst um 1970 dann auch vom Bundesministerium für Unterricht und Kunst über eine Ausfallshaftung unterstützt. Noch während der Ausstellung sagte das Sammlerpaar Ludwig dem österreichischen Staat hundert Leihgaben der internationalen Gegenwartskunst für die Dauer von fünf Jahren zu, um die Bestände des Museums des 20. Jahrhunderts zu ergänzen. Kritische Stimmen warnten prompt vor einem zu großen Einfluss privater Sammler auf öffentliche Einrichtungen. Mit der Gründung der Österreichischen Ludwig-Stiftung im Jahr 1981 gingen etwa zwei Drittel der Leihgaben der Sammlung in den Besitz der Stiftung über.

Für große Publizität sorgten die Plakate der Ausstellung Kunst um 1970. Sie zeigten die Liegende von John de Andrea. Hans Mayr ließ die deutlich sichtbaren und potenziell Anstoß erregenden dunklen Schamhaare der Figur bereits vor der Plakatierung rot durchkreuzen. De facto handelte es sich um eine Markierung, die sich als äußerst werbewirksam erweisen sollte. Man zeigte am Ende beide Varianten des Plakats. Aus Protest gegenüber der Vermarktung des nackten Frauenkörpers wurden sie von engagierten Feministinnen mit dem Etikett „Frauenfeindlich“ überklebt.

Die Ausstellung Kunst aus der DDR war mit Ludwigs Engagement in kommunistischen Ländern verknüpft. Er war in Staaten des Ostblocks nicht nur wirtschaftlich tätig, sondern sammelte auch Kunst aus der DDR, Ungarn, der Sowjetunion und später aus China. Für Kunst aus der DDR wurden Werke aus der Neuen Galerie – Sammlung Ludwig in Aachen geliehen, Ludwigs erster Gründung von 1970. (1983 sollte Ludwig dann die meisten Werke aus diesem Bestand in die städtische Galerie in Oberhausen geben, die sich in Ludwig Institut für Kunst aus der DDR umbenannte.) Kritische Stimmen warfen der Ausstellung im Künstlerhaus eine opportunistische Haltung gegenüber der totalitären Staatsführung der DDR vor. Tatsächlich fügte sich diese Ausstellung perfekt in die außenpolitischen Beziehungen Österreichs zur DDR.

Anfang der 1990er Jahre bekundete das österreichische Sammlerehepaar Essl Interesse, ihre Sammlung dauerhaft im Künstlerhaus einzumieten. 1996 lief die Ausstellung Malerei in Österreich 1945–1995. Die Sammlung Essl. Der anvisierte Vertrag sah vor, dass die Essls neben einem pro Quartal zu entrichtendem Mietzins anteilig Betriebskosten übernahmen. Auch wurde in diesem Zusammenhang eine bauliche Aufstockung des Hauses diskutiert. Obwohl die Verhandlungen mit den Essls weit gediehen waren, scheiterten sie vor allem aufgrund der von den Sammlern anvisierten Mietvertragslaufzeit von 75 Jahren. Später errichteten sie ihr eigenes Museum in Klosterneuburg. Der damalige Präsident des Künstlerhauses, Peter Kodera, trat aus Protest gegen die Ablehnung des Vertrags durch die Mitglieder des Hauses zurück. Stattdessen wurde das Haus halbjährlich an das Bundesministerium für Unterricht und kulturelle Angelegenheiten – wiederum als Ausstellungsraum für das Kunsthistorische Museum – vermietet.

Ende der 1990er Jahre tauchte auch die sogenannte Pool-Idee auf: Ausstellungsräume und Depots sollten an interessierte Unternehmen mit eigenen Kunstsammlungen vermietet werden – etwa an die Erste Bank der oesterreichischen Sparkassen AG, EVN oder an die BAWAG P.S.K. Gruppe. Die Kalkulation sah fünf Sammlungen vor, die jährliche Mieteinnahmen von jeweils 5 Millionen Schilling garantieren sollten. Vor dem Hintergrund abnehmender Subventionen und um etwas gegen die Ausschließlichkeit staatlicher Unterstützung zu unternehmen, setzte man nun verstärkt auf privates Engagement. Man ging davon aus, dass es für Pool-Mitglieder finanziell ungünstiger wäre, eigene Häuser zu bauen. Aber man fand keine Mieter, und die meisten potenziellen Mieter betrieben dann doch eigene Häuser.

Quellen: Schreiben des Bundesministeriums für Unterricht und Kunst, 1977-10-27; Künstlerhaus: Kunst um 1970. Objekte 400 Millionen wert, in: Neue Tiroler Zeitung, 9.3.1977; Fabrikant als Kunstmäzen, in: Kurier, 27.04.1977; Kunst um 1970, Kat., Hg. Gesellschaft bildender Künstler Österreichs, Wien 1977; Keine Angst vor „roten“ Bildern, in: Neue Kronenzeitung, 15.09.1979; Historienbilder und Allegorien – sozialistisch, in: Die Presse, 22.09.1979; Kunst heute in der DDR, in: Wochenpresse, 17.10.1979; Kunst heute in der Deutschen Demokratischen Republik, Ausst.-Kat., Hg. Verein der Freunde der Neuen Galerie – Sammlung Ludwig, 1979; Protokoll zur Außerordentlichen Hauptversammlung, 14.09.1979; Protokoll der Vorstandssitzung, 27.02.1996; Aktenvermerk, Kooperation Essl, 08.02.1996; Protokoll der Außerordentlichen Hauptversammlung, 09.05.2000; Protokoll über die Sitzung des Vorstands, 29.10.2001; Wiener Künstlerhaus, Zwist und ungewisse Zukunft, in: Der Standard, 11./12.05.1996; Künstlerhaus: Wird der Bund einspringen?, in: Die Presse, 11.09.1996; Essl hat Interesse am Künstlerhaus verloren, in: Die Presse, 17.09.1996; Malerei in Österreich 1945–1995, Die Sammlung Essl, Ausst.Kat., Hg. Wieland Schmied, München/New York 1996; Gespräch mit Peter Bogner, 08.04.2014
Aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes wurde auf die Angabe von Namen verzichtet und nur das Dokument vermerkt. Alle Quellen stammen aus dem Archiv des Künstlerhauses.

Malerei in Österreich 1945–1995. Die Sammlung Essl, Ausstellungsplan, 1996
Malerei in Österreich 1945–1995. Die Sammlung Essl, Ausstellungsplan, 1996
Verein der Freunde der Neuen Galerie – Sammlung Ludwig (Hg.), Kunst aus der DDR, Ausstellungskatalog, Aachen 1979
Verein der Freunde der Neuen Galerie – Sammlung Ludwig (Hg.), Kunst aus der DDR, Ausstellungskatalog, Aachen 1979
Wieland Schmied (Hg.), Malerei in Österreich 1945 – 1995, Die Sammlung Essl,  Ausstellungskatalog, München, New York 1996
Wieland Schmied (Hg.), Malerei in Österreich 1945 – 1995, Die Sammlung Essl, Ausstellungskatalog, München, New York 1996
Gesellschaft bildender Künstler Österreichs (Hg.), Kunst um 1970, Ausstellungskatalog, Wien 1977
Gesellschaft bildender Künstler Österreichs (Hg.), Kunst um 1970, Ausstellungskatalog, Wien 1977