100,- | Rückkauf (in Schilling) von Gebäude und Grundstück im Jahr 2167

Bürogebäude und Tiefgaragen

„Ein architektonisch wertvolles modernes neues Künstlerhaus wäre nur zu begrüßen. Wenn ich daran denke, daß das Künstlerhaus jährlich eine Ofenausstellung beherbergt, dann bin ich fürs Abreißen und für eine finanziell gesicherte Zukunft.“ Aus: Was soll mit dem Wiener Künstlerhaus geschehen? Die Frage zum Tag, in: Kurier, 6.9.1966

1964 stellten Georg Lippert und Walter Jaksch unter dem Titel „Haus der Kunst“ eine Bauidee vor, die zwei Jahre lang immer wieder diskutiert wurde. Ihr Entwurf sah einen quadratischen, blockartigen Baukörper und einen vorgelagerten weiträumigen Platz in Richtung des Musikvereins vor. Dieser Bau sollte sich durch spätere Einkünfte selbst tragen, wobei als Einnahmequellen vor allem eine Tiefgarage mit Tankstelle und Vermietungen von Büroräumen geplant waren. Als Bauträger setzte man auf die Ekazent Realitätenverwertungsgesellschaft. Nach Vorliegen der von der Zentralsparkasse angestellten Wirtschaftlichkeitsberechnungen wurden die Risiken allerdings als zu hoch eingestuft und das Vorhaben abgelehnt.

Während die Umbau- und Erweiterungspläne, die Architekten in den 1960er Jahren entwickelten, nicht über erste Planungen hinauskamen, schien Karl Schwanzers Projekt reell umsetzbar. Dieser hatte im Auftrag des amerikanischen Immobilieninvestors Collins Tuttle International Inc., der nach einigen Shoppingcentern und Bürokomplexen in den USA auf den europäischen Markt drängte, ein Projekt entwickelt, das sowohl die Vermietung an IBM als auch neue Räume für die Künstlervereinigung vorsah.

Das Projekt wurde nicht nur unter den Künstlerinnen und Künstlern, sondern auch in der Öffentlichkeit heftig diskutiert. Der Vertrag sah folgende Regelungen vor: Das Künstlerhaus wird an Collins Tuttle International Inc. zu einem wertgesicherten Betrag von monatlich 100.000 Schilling verkauft mit einem Rückkaufrecht nach zweihundert Jahren, frühestens 2167, zum Wert von 100 Schilling. Hypotheken in der Höhe von 1,3 Millionen Schilling werden von Collins Tuttle übernommen. Collins Tuttle Interna-tional Inc. beabsichtigt, das Gebäude an einen einzigen Mieter, an IBM, weiterzuvermieten. Die Künstlervereinigung erhält rund 6300 Quadratmeter im neuen Gebäude zur eigenen Verwendung. Mit dem Abbruch des alten Gebäudes sollte am 30. Juni 1967 begonnen werden.

Nach dem ersten Entwurf eines U-förmigen Grundrisses und separater Eingangssituationen für IBM und Künstlervereinigung entschied sich Architekt Schwanzer später für eine H-Lösung. Nun sollte das Gebäude horizontal geteilt werden: unten die Räume für die Künstlervereinigung und darüber die Büros von IBM. Darüber hinaus wurde für das Künstlerhaus durch einen überdachten Eingangshof die Möglichkeit geschaffen, Innen- und Außenbespielung zu verzahnen.

Obwohl der Kaufvertrag mit Entwurf vom 9. August 1966 im Prinzip zur Unterschrift bereit lag, wurde das Projekt in der außerordentlichen Hauptversammlung der Gesellschaft bildender Künstler Wiens vom 8. September 1966 abgelehnt, jedoch die Option weiterer Verhandlungen eingeräumt. Nachdem allerdings bis zum 23. September 1966 keine konstruktiven Vorschläge eingebracht worden waren, stellte Collins Tuttle International Inc. die Verhandlungen ein.

Sowohl bei den Projekten von Lippert/Jaksch als auch von Schwanzer waren zur Steigerung der Einnahmen Garagen unter dem Hause vorgesehen. Rund zehn Jahre später, 1976, wurden diese Überlegungen wieder aufgegriffen. Im Zuge der Neugestaltung des Karlsplatzes sollte der Platz um das Künstlerhaus und den Musikverein in eine Fußgängerzone umgewandelt werden. Das Künstlerhaus-Mitglied Johann Staber entwickelte in diesem Zusammenhang einen Vorschlag, der neben der Erweiterung des Hauses und der Gestaltung des Umraums die Schaffung einer viergeschossigen Tiefgarage zwischen Künstlerhaus und Musikvereinsgebäude vorsah. Das Hotel Imperial zeigte kurzzeitig Interesse daran, hundert Parkplätze zu mieten. 1976 wurde die Bewilligung für Fußgängerzone und Tiefgarage erteilt; bald darauf zog das zuständige Magistrat die Bewilligung für die Tiefgarage wieder zurück. Fußgängerzone, ein Platz zur öffentlichen Nutzung (die sogenannte Arena) und zusätzliche Ausstellungsräume (die Passagegalerie), wurden hingegen mit Fördermitteln der Stadt Wien realisiert.

1981 tauchte die Idee der Tiefgarage erneut auf, und Staber überarbeitete sein „Projekt 55.1. Fussgeherzone Karlsplatz“ von 1976. Doch selbst als 1995 endlich ein Finanzier gefunden worden war, konnte das Projekt aufgrund vieler Widerstände – auch von Seiten des benachbarten Musikvereins – nicht umgesetzt werden.

Quellen: Protokolle über Sitzungen des Leitenden Ausschusses, 18.09.1964, 02.10.1964, 27.10.1964; Protokoll der Unterausschuss-Sitzung, 16.11.1964; Jahresberichte 1964 und 1965; Protokolle der Sitzungen, 12.07.1966 und 19.07.1966; Neubau-Problem, Hinweise zur Erleichterung der Entscheidung in der Ausserordentlichen Hauptversammlung, 28.08.1966; Protokoll der Ausserordentlichen Hauptversammlung, 08.09.1966; Generalversammlungsbeschluss (Entwurf), 09.09.1966; Das Künstlerhaus in Gefahr. Es soll demoliert werden, in: Neues Österreich, 03.09.1966; Pressebericht, diverse, 03.09.1966; Haus der Künste oder Büropalast am Karlsplatz, in: Die Presse, 03.09.1966; Künstlerhaus: Gemeinde ist an Skandal beteiligt, in: Volksblatt, 04.09.1966; Das Künstlerhaus und die Spitzhacke, in: Neues Österreich, 06.09.1966; Zweimal Künstlerhaus: Die Wirklichkeit und die Skizze des projektierten Neubaus, in: Kurier, 06.09.1966; Morgen fällt Entscheidung über das Wr. Künstlerhaus, in: Express, 07.09.1966; in: Die Presse, 08.09.1966 (Karikatur); Künstlerhaus: Auf jeden Fall Abbruch? Das „Todesurteil“ wurde vertagt, in: Volksblatt, 09.09.1966; 133:2 gegen Schwanzer-Projekt, in: Die Presse, 09.09.1966; Künstlerhaus: Der Staat soll helfen!, in: Express, 10.09.1966; Künstlerhaus-Projekt gescheitert, in: Die Presse, 23.09.1966; in: Arbeiterzeitung, 23.09.1966; Schreiben Collins Tuttle Int. Inc., 09.09.1966; Schreiben Collins Tuttle Int. Inc., 13.09.1966; Schreiben Collins Tuttle Int. Inc., 16.09.1966; Collins Tuttle Int. Inc., o.J.; Werbebroschüre, Collins Tuttle Int. Inc., 1966, o.J.; Protokoll über die Sitzung des Leitenden Ausschusses, 21.09.1966; Protokoll über die Sitzung der Fachsektion Architekten, 12.01.1976; Protokoll über die Sitzung des Leitenden Ausschusses, 31.03.1976; Protokoll über die Sitzung der Fachsektion Architekten, 12.10.1976; Protokoll über die ordentliche Hauptversammlung, 21.10.1976; Protokoll zur Sitzung des Leitenden Ausschusses, 03.03.1977; Protokoll der Ausserordentlichen Hauptversammlung, 17.08.1981; Protokolle der Vorstandssitzungen, 04.05.1995 und 06.07.1995; Broschüre Architekt Dipl.-Ing. Johann Staber: Fussgängerzone Künstlerhaus, o.J.
Aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes wurde auf die Angabe von Namen verzichtet und nur das Dokument vermerkt. Alle Quellen stammen aus dem Archiv des Künstlerhauses.

Karl Schwanzer, Neubau Künstlerhaus IBM (Erste Variante), 1966
Karl Schwanzer, Neubau Künstlerhaus IBM, 1966
Karl Schwanzer, Neubau Künstlerhaus IBM (Erste Variante), 1966
Karl Schwanzer, Neubau Künstlerhaus IBM (Erste Variante), 1966
Johann Staber, Fussgängerzone Künstlerhaus, Broschüre, o.J.
Johann Staber, Fussgängerzone Künstlerhaus, Broschüre, o.J.