38.000,- | Ausgaben (in Schilling) für alle Feste des Künstlerhauses (1930)

Das Gschnas

„Das Stück ist reizend, sagen die Leute.“ Aus: Reiseführer Gross-Peking, 29.2.1892

Feste und Feiern waren von Anfang an integraler Bestandteil der Aktivitäten der Genossenschaft. Es gab Theater- und Opernabende, Tanzabende, Kostümbälle, Bankette, Damen- und Herrenabende und Weihnachtsfeiern. Sie dienten der Geselligkeit unter Mitgliedern und Freunden, der Repräsentation der Künstlerschaft nach außen, und sie fungierten nicht zuletzt als eine wesentliche Einnahmequelle. Am finanziell einträglichsten waren die Gschnasfeste (Gschnas ist eine aus dem Wienerischen stammende Bezeichnung für ein fröhliches Kostümfest während des Faschings).

Der über Eintrittskarten und die Versteigerung der Gschnas-Ausstattung erzielte Erlös floss meist wohltätigen Zwecken der Künstlergenossenschaft zu. Auch konnten die Dekorationen nach dem Fest gegen eine gestaffelte Eintrittsgebühr besichtigt werden. Die Gschnas-Feste waren enorm beliebt, doch sie waren nicht für jeden zugänglich. Vor allem in den ersten Jahrzehnten des Bestehens des Künstlerhauses beschränkte man die Teilnahme auf Mitglieder, deren Angehörige und weitere persönlich bekannte Gäste, wobei Gastkarten erheblich teurer waren als Mitgliederkarten. Besonderen Andrang gab es bei Gross-Peking, 1892‚ einem Gschnas, das die architektonische Umgestaltung Wiens zu einer Weltmetropole persiflierte. Peking war dabei ein Synonym für Fremdheit, Entfremdung und die Grenzen des Verstehens bzw. das Scheitern der Verständigung. 1911 fand mit Der Hausball bei Frau Austria, das letzte Gschnas-Fest in der Monarchie statt.

Weitergeführt wurde die Tradition erst 1924 mit der Walpurgisnacht. In den 1920er Jahren setzte man – vor allem um die Einnahmen zu steigern – weitere Veranstaltungen um den traditionellen Gschnas an, etwa Revuen, Kinderfeste sowie Schützenkränzchen. Und man öffnete das Haus zunehmend für Gäste. Anfang der 1930er Jahre konnten die Künstlerhaus-Feste erneut Besucherrekorde vermelden, wie etwa bei Traumland, 1930, das spielerisch auch auf den Börsenkrach von 1929 reagierte. Als gesellige Zusammenkunft speziell von Mitgliedern und Freunden begannen die Gschnas-Feste jedoch allmählich an Bedeutung zu verlieren, selbst wenn man nach dem Zweiten Weltkrieg kurzfristig an den wirtschaftlichen Erfolg der früheren Gschnas-Feste anknüpfen konnte. Mitte der 1950er Jahre kam es bereits zu einem finanziellen Patt, denn den hohen Einnahmen aus den Festen standen hohe Ausgaben für deren Ausrichtung gegenüber. Es wurde auch hinterfragt, ob die Gschnas-Feste noch zeitgemäß waren. 1965 standen sie endgültig vor dem Aus. Danach gab es drei weitere Versuche, diese Tradition wieder zu beleben: Im Februar 1984 fand Das große Künstlerhaus-Gschnas 1900–2000 statt – mit 144 Besuchern. 2011 und 2012 wurden weitere Feste abgehalten, die ebenfalls nicht an den großen Erfolg der alten Gschnas-Feste anschließen konnten.

Quellen: Protokoll Jahreshauptversammlung, 11.11.1925; Protokoll Jahreshauptversammlung, 02.06.1953; Protokoll Leitender Ausschuss, 04.03.1955; Protokoll Leitender Ausschuss, 08.02.1956; Gespräch mit Beppo Mauhart, 17.06.2014 http://www.wladimir-aichelburg.at/kuenstlerhaus/feste/
Aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes wurde auf die Angabe von Namen verzichtet und nur das Dokument vermerkt. Alle Quellen stammen aus dem Archiv des Künstlerhauses.

Ankündigungen Faschingsveranstaltungen im Künstlerhaus, 1930
Ankündigungen Faschingsveranstaltungen im Künstlerhaus, 1930
Raumdekorationen Traumland, 1930
Raumdekorationen Traumland, 1930
Raumdekorationen Traumland, 1930
Raumdekoration Gross-Peking, 1892
Raumdekoration Gross-Peking, 1892
Wegweiser zum Centralbahnhof, Teil der Raumdekoration von Gross-Peking, 1892
Wegweiser zum Centralbahnhof, Teil der Raumdekoration von Gross-Peking, 1892