29.200,- | Miete (in Schilling) der Firma Jos. H. Kaindl (1960)

Vermietungen an Firmen und Organisationen

„Die Zeit der Sexmessen und Ofenschauen darf nie wieder kommen.“ Aus: Bericht des Präsidenten, Ordentliche Hauptversammlung, 21.3.1983

Zu den umstrittensten Vermietungen des Hauses gehörten jene an den Ofenhersteller Kaindl sowie zwei Sexmessen. Diese führten zu massiver Kritik und vielen Diskussionen innerhalb und außerhalb des Künstlerhauses. Schon kurz nach der Gründung der Genossenschaft wurden Räumlichkeiten im Haus ohne große Berührungsängste an Kunsthändler, wie Miethke & Wawra, Kaeser oder Plach, vermietet. Auch wenn dies bei einigen Mitgliedern Unbehagen auslöste, fügten sich die Vermietungen anfänglich in die wirtschaftlichen Aktivitäten der Genossenschaft, während sie später als komplette Fehltritte wahrgenommen wurden, die den eigentlichen künstlerischen Aufgaben entgegenstanden. Doch waren die Grenzen stets weniger eindeutig gezogen, als nach außen vermittelt wurde: In der Ausstellung Der österreichische Ofen, 1960, beispielsweise zeigte man neben Kaminen, Ölöfen, Gasstrahlern und Dauerbrandöfen, vom Hersteller als technische Kunstwerke angepriesen, auch Werke von Künstlerhaus-Mitgliedern. Besonders kontrovers diskutiert wurden zwei Sexmessen, die 1970 und 1971 stattfanden: Intim 70 und Sexpo ’71. Während Intim 70 eine reine Verkaufsausstellung war, die Produkte verschiedener Hersteller (u. a. Vibratoren, Bücher, Verhütungsmittel, Reizwäsche) anbot, setzte die Sexpo ’71 auch auf Live-Sexvorführungen.

In den Folgejahren wurde der Satz „Alles ist besser als eine Ofenausstellung oder eine Sexmesse“ immer dann bemüht, wenn es darum ging, andere Vermietungen zu legitimieren. Im Prinzip begleitet die Unvereinbarkeit der Notwendigkeit der Mittelbeschaffung für Erhalt und Renovierung und der künstlerischen Ansprüche der Mitglieder die Diskussion um das Profil des Hauses bis heute.

Man haderte nicht nur mit bestimmten Arten von Vermietungen, auch die Durchführung von Kunstmessen im Haus war umstritten. So ist etwa die WIKAM – Wiener Internationale Kunst- und Antiquitätenmesse, die seit 1968 durchgeführt wird, immer wieder Gegenstand der Kritik gewesen, weil das Potpourri an Angeboten als unvereinbar mit einem hohen künstlerischen Anspruch gesehen wird. Rückblickend lässt sich allerdings auch das Beispiel einer Kunstmesse finden, die zu ihrer Zeit Maßstäbe setzte: die Internationale Kunstmesse K 45 – Kunst nach 1945. Besonders progressiv war die Einbeziehung des internationalen Avantgarde-Films und interdisziplinärer Ansätze in der Architektur. Diese Messe, bei der vierzig Kunsthändler zeitgenössische Kunst zeigten, wurde auf Einladung des Präsidenten Hans Mayr im Februar 1977 im Künstlerhaus durchgeführt. Mayr sah darin eine Chance, das Künstlerhaus im zeitgenössischen Feld zu positionieren und dabei künstlerische und wirtschaftliche Aspekte zu verbinden. Wegen unterschiedlicher künstlerischer und kommerzieller Vorstellungen gab es 1977 allerdings zwei Messen parallel, die K 45 im Künstlerhaus und die Interkunst im Bauzentrum/Palais Liechtenstein. Letztlich haben sich die Messen gegenseitig geschadet.

Den Beginn einer langen Reihe von eingemieteten großen kultur- und kunsthistorischen Wanderausstellungen machte 1977 Borobudur: Kunst und Religion im alten Java, 8.–14. Jhdt. Die Ausstellung war von der UNESCO beauftragt und sollte für die Rettung der alten Tempelanlage sensibilisieren. Es handelte sich um einen Typ Großausstellung, der später Schule machen sollte: Politische, wirtschaftliche und kulturelle Anliegen wurden gebündelt und kommerzielle Aspekte neben kulturhistorischen berücksichtigt. So verkaufte man etwa indonesische Textilien, Speisen, Getränke und andere Erzeugnisse. In Zusammenarbeit mit dem Reisebüro American-Express bot man Studienreisen nach Indonesien an und führte ein Preisausschreiben durch. Flugblätter von Amnesty International wurden verteilt, die gegen das Vorgehen der indonesischen Behörden gegen die lokale Opposition protestierten.

Mit der Durchführung internationaler Tourneeausstellungen wurde das Künstlerhaus zu einem interessanten Partner für ausländische Organisationen ebenso wie für staatliche Einrichtungen in Österreich.

Quellen: Christian Huemer in: Jahrmarktbude oder Musentempel? Das Wiener Künstlerhaus und der Kunsthandel, Peter Bogner, Richard Kurdiovsky, Johannes Stoll (Hg.), Das Künstlerhaus. Kunst & Institution. 150 Jahre Wiener Künstlerhaus, Künstlerhaus Wien, Wien 2014; Protokoll über die Monatsversammlung, 25.02.1971; Schreiben an die Ausstellungsleitung der Firma Jos. H. Kaindl, 12.10.1960; Sexmesse auf Österreichisch, in: WieWo, o. J.; Schreiben an Ing. Heinrich Heinz, Bezirksvorsteher für den 1. Bezirk, 26.11.1970; Bei der „Sexpo 71“ erstmals in Wien: Aktmodelle für Photo-Amateure, in: WieWo, 20.02.1971; Katalog K 45, Internationale Kunstmesse, Hg. Gesellschaft bildender Künstler Österreichs, 17–21. Februar 1977; Kunstmessenstreit: Zweigleisig in die Pleite?, in: Profil, 08.02.1977
http://www.wladimir-aichelburg.at/kuenstlerhaus/einlaufbuecher-der-kunstwerke/; http://www.wladimir-aichelburg.at/kuenstlerhaus/ausstellungen/ Aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes wurde auf die Angabe von Namen verzichtet und nur das Dokument vermerkt. Alle Quellen stammen aus dem Archiv des Künstlerhauses.

KAINDL. Der österreichische Ofen, Ausstellungsplakat, A3, 1960
KAINDL. Der österreichische Ofen, Ausstellungsplakat, A3, 1960
Sexpo ’71, Wiener stürmten die Porno-Messe, Wiener Wochenblatt, 20. März 1971
Sexpo ’71, Wiener stürmten die Porno-Messe, Wiener Wochenblatt, 20. März 1971