Vorschau

Aktuelle Positionen

Goldin + Senneby und Isa Rosenberger verbinden aktuelle und vergangene ökonomische Fragestellungen. Goldin + Senneby nehmen ihren Ausgangspunkt bei August Nordenskiöld, einem Alchimisten aus dem 18. Jahrhundert, und verbinden diese Auseinandersetzung mit algorithmischem Handel an der Börse. Isa Rosenberger rückt in Café Vienne Gina Kaus, eine österreichisch-jüdisch-amerikanische Schriftstellerin und Drehbuchautorin, die 1939 in die USA auswanderte, in den Mittelpunkt. Kaus´ Lebenssituation wird mit jener heutiger Künstlerinnen kurzgeschlossen. Superflex stellt mit Free Shop die Kauflogik – Ware für Geld – auf den Kopf. Die Gruppe zeigt ein Projekt, das sie 2003 begonnen und in verschiedenen kulturellen Kontexten gezeigt hat.

Goldin + Senneby
„Momentum Trading Strategy“

with Philip Grant (anthropologist and former equity fund manager), Donald MacKenzie (sociologist)
2013/2014
Medium Confidential trading strategy
Coverdesign Johan Hjerpe

Goldin + Senneby zeigen Momentum Trading Strategy, eine auf Algorithmen basierende Handelsstrategie, entwickelt 2013 von Philip Grant, einem Anthropologen und früheren Aktienfondsmanager, und Donald MacKenzie, einem Soziologen. Beide sind als Wissenschaftler an der Universität in Edinburgh tätig. Im Prinzip handelt es sich bei der Momentum Trading Strategy um einen Algorithmus vergleichbar mit Handelsalgorithmen, wie sie heute verstärkt an Börsen eingesetzt werden, um von Menschen unabhängige Kauf- und Verkaufsentscheidungen zu treffen.
Goldin + Senneby schlagen vor, diese Strategie auf die geplante Folgeausstellung von Freunde und Komplizen im Künstlerhauses anzuwenden und das gesamte Ausstellungsbudget an der Börse zu handeln.
Dieser Vorschlag steht in Zusammenhang mit ihrem mehrjährigen Projekt The Nordenskiöld Model, das seinen Ausgang bei August Nordenskiöld, einem Alchimisten aus dem 18. Jahrhundert nimmt. Seine Hoffnung war, eines Tages so viel Gold zu erzeugen, dass er damit die Geldwirtschaft zerstören würde. Goldin + Senneby haben The Nordenskiöld Model 2010 begonnen und seitdem immer wieder historische und gegenwärtige Finanzspekulationen kurzgeschlossen. Im Künstlerhaus Wien wird zunächst das Dokument mit der Formel im versiegelten Zustand in einer Vitrine ausgestellt. Der Beitrag von Goldin + Senneby wirft in diesem Zusammenhang Fragen nach den Konsequenzen der Anwendung eines hochspekulativen Finanzinstruments im Kunstbetrieb auf: Was würde es bedeuten, ein solches Instrument in einer Institution einzusetzen, die der Gemeinnützigkeit verpflichtet ist und aus öffentlichen und privaten Mitteln finanziert wird? Lassen sich die Verantwortlichen auf dieses Experiment ein oder ist ihr Handlungsspielraum gesetzlich eingeschränkt? Ließen sich diese Limitationen teilweise umgehen? Und wären die an der künftigen Ausstellung beteiligten Künstlerinnen und Künstler bereit, sich überhaupt auf diesen Vorschlag von Goldin + Senneby einzulassen? Soll sich eine Kunstinstitution grundsätzlich nicht mit Finanzspekulation befassen? Momentum Trading Strategy fungiert also zunächst als Platzhalter für Diskurse über das Verhältnis von Kunst, dem Ausstellen von Kunst und Finanzspekulation. Sie ist aber auch ein reelles Instrument zur möglichen Finanzierung einer Ausstellung.

Superflex
Free Shop/Tokyo

2003
Video DV, 5 min 50 sec, 2003

Superflex begannen 2003 in Bremen mit dem Projekt Free Shop. Seitdem wurden Free Shops in Japan, Mexico, Polen, Dänemark, Norwegen und den USA realisiert. Im Rahmen dieses Projekts, das im Prinzip in jedem x-beliebigen Geschäft (vom Gemüseladen bis hin zur Apotheke oder dem Schnellimbiss) durchgeführt werden kann, bekommen Kundinnen und Kunden an der Kasse einen Bon mit der Endsumme 0 ausgehändigt, d.h. sie müssen für ihren Einkauf nichts zahlen. Im Geschäft selbst gibt es keine Hinweise darauf, dass Waren oder Dienstleistungen „umsonst“ sind, erst im Moment des Zahlens wird klar, dass es sich um einen ungewöhnlichen Einkauf handelt, der die Kauflogik – Ware für Geld – auf den Kopf stellt. Free Shop liegt ein Vertrag zugrunde, den Superflex mit dem jeweiligen Geschäftsinhaber schließen: der Free Shop Contract. In diesem werden das Konzept und die Regeln erklärt. Der Betreiber kann eine Obergrenze der freien Waren beziehungsweise der dafür veranschlagten Summe festlegen. Dies wird im Laden genauso wenig kommuniziert wie die Initiative von Superflex selbst. In einem Vorgängerprojekt für die Kunsthalle Basel, 2005, Gratis Eintritt + 2 Fr. kriegen, arbeitete Superflex mit einem ähnlichen Prinzip: Bei Besuch der Ausstellung erhielten Besucherinnen und Besucher nicht nur einen Gratiseintritt sondern sie bekamen – pro Tag – auch (maximal) zwei Franken. In der Ausstellung und im Katalog widmeten sich Superflex verschiedenen Wertvorstellungen: vom Substanz- über den Ertragswert hin zum immateriellen Wert und untersuchten die Kunsthalle als „Wertsteigerungsmaschine.“
Beide Projekte Free Shop und Gratis Eintritt + 2 Fr. kriegen unterbrechen den Automatismus von An– und Verkauf von Ware oder Dienstleistung gegen Geld. Letztendlich hat die Banknote Wert, weil ein gesellschaftlicher Konsens und rechtliche Grundlagen dafür geschaffen wurden. Superflex Arbeiten werfen aber nicht nur Fragen nach verinnerlichten Formen des andelsgeschäfts auf, sie fragen auch nach der Verantwortung des einzelnen, danach ob er Möglichkeiten sich zu bereichern ausnutzt oder auch möglichst viele andere daran teilhaben lässt.

Isa Rosenberger
Espiral (A Dance of Death)
2010/12
Video DV, 14 min, 2010/12
Tänzerin Amanda Piña
Kamera Reinhard Mayr
2 Fotocollagen (basierend auf Labanotationen von Kurt Jooss), jeweils 51,5 x 76,5 cm

Im Video Espiral reinszeniert Rosenberger Kurt Jooss’ Ballett Der grüne Tisch, 1932, mit dem dieser einen expressiv-tänzerischen Ausdruck für die erste Weltwirtschaftskrise fand. In Rosenbergers Fassung – sie arbeitet hierfür mit der chilenischen Tänzerin Amanda Piña zusammen – werden Verflechtungen von Macht und Ökonomie in den 1920er und 30er Jahren mit der Finanzkrise von 2008 und ihren Folgen parallel geführt. Vor dem Gebäude der Österreichischen Nationalbank gedreht, problematisiert die mehrteilige Arbeit die Expansion und den Niedergang österreichischer Banken im postsozialistischen Osteuropa und die Auswirkungen dieses Prozesses auf die betroffenen Menschen. Der Titel Espiral (dt. Spirale) bezieht sich auf den Namen der von Patricio Bunster, einem Jooss-Schüler, gegründeten Tanzschule in Santiago de Chile, die Kindern aus unterprivilegierten Schichten eine Ausbildung ermöglichte. Gleichzeitig kann der Titel metaphorisch gelesen werden: als eine sich abwärts bewegende Spirale wechselseitiger Abhängigkeiten innerhalb einer globalisierten Ökonomie.

Isa Rosenberger
Café Vienne
2014 (work in progress)
1 Foto (Sängerin: Tini Trampler) und 1 A0 Poster (mit Auszügen aus: Café Vienne Songtext)

Isa Rosenberger gibt Einblick in ein neues Projekt. In ihrer mehrteiligen Installation Café Vienne, eine Auftragsarbeit für das Skirball Cultural Center in Los Angeles, widmet sich Rosenberger der österreichisch-jüdisch-amerikanischen Schriftstellerin und Drehbuchautorin Gina Kaus, die, den Repressalien der Nationalsozialisten ausgeliefert, 1939 nach Los Angeles emigrierte. Kaus war Mitglied in wichtigen österreichischen Kaffeehauszirkeln, die sich im Café Herrenhof oder Café Central zum intellektuellen Austausch trafen. In Los Angeles konnte Kaus an ihre literarischen Erfolge nicht mehr anschließen, aber es gelang ihr als Drehbuchautorin in Hollywood Fuß zu fassen. Die Nähe zur Unterhaltungsindustrie brachte ihr allerdings den Vorwurf ein, keine ernsthafte Literatur, sondern „nur“ Unterhaltung zu produzieren. Rosenberger interessiert sich vor allem für das vielseitige Œuvre von Kaus sowie deren Fähigkeit, sich schwierigen ökonomischen Situationen anzupassen.
RIn Rosenbergers Video hört man in der Tradition des Sprechgesangs Texte aus Kaus’ Autobiografie und aus Interviews, die Rosenberger mit einer Reihe von Kolleginnen aus dem kulturellen Feld geführt hat. Angeregt von den Interviews schrieb die Sängerin Tini Trampler darüber hinaus einen eigenen Songext, den sie zu einer für Café Vienne eigens komponierten Musik performt. Auch hier schließt Rosenberger Vergangenheit und Gegenwart kurz, indem sie sich ökonomisch-prekären Verhältnissen widmet, in denen Künstlerinnen und andere weibliche Kulturschaffende sich befinden, speziell in Zeiten der wirtschaftlichen Krise.

IN-FORMATION #7
Isa Rosenberger / Tini Trampler: Café Vienne
18. Dezember 2014, 19:30 h

Family Mart, Tokyo
Kota Hirono
Geschäftsleiter
Shiho Ujiie Teilzeitkraft
Yui Nakazawa Teilzeitkraft
Ichiro Miida Supervisor des Bezirks Meguro

Was halten Sie vom Free Shop?
Kota Hirono Ich war glücklich. Das ist etwas, das ein Geschäftsleiter normalerweise niemals machen würde. Manchmal gibt es ungewöhnliche Aktionen – wie etwa einen 30 Yen Diskount zur Eröffnung eines Shops. Aber so etwas wie den Free Shop würde es in keinem Geschäft in Japan geben.
Shiho Ujiie Ich war überrascht.
Yui NakazawaIch konnte es nicht glauben.
Ichiro Miida Ich war sprachlos. Um ehrlich zu sein, ich dachte nicht, dass dies Kunst ist sondern dass Free Shop definitiv Probleme verursachen würde. Aber es entwickelte sich zum Besten und machte die Kundinnen und Kunden glücklich.

Was passierte während des Free Shops?
KH Es war wirklich eine wunderbare Erfahrung. Innerhalb von zehn Sekunden zeigten die Menschen alle Arten von Emotionen – wie etwa Überraschung, Freude, Misstrauen und Nervosität. Alles auf einmal. Darüber hinaus erkannte ich, dass Menschen von Natur aus gut sind. Die Kundinnen und Kunden sind wie Kinder. Ich erwartete eine Art Panik, dass Menschen alle Waren von den Regalen nehmen und davontragen würden. Wir hatten sogar einige Angestellte im hinteren Bereich des Geschäfts dafür abgestellt – nur für den Fall eines Tumults.
SU Frauen waren einfach nur überrascht; sie sagten: „Oh, wirklich? Warum?“ Männer schauten eher verärgert – so als würden sie denken: „ Was? Sie machen sich lustig. Wie auch immer, ich bin in Eile.“
YN Es war schon eine Weile her, dass ich mit Freude an der Kasse gearbeitet habe. Dies brachte eine frische Erfahrung.Ich mochte es, die Gesichter der Kundinnen und Kunden zu beobachten.
IM Im Vergleich zu Ausländerinnen und Ausländern gab es von Seiten der Japanerinnen und Japaner wenig Reaktion. Ich denke, es hängt davon ab, wo das Projekt ausgeführt wird. Wenn wir das Projekt in der Wohngegend von Setagaya-ku gemacht hätten, wären wahrscheinlich Hausfrauen Schlange gestanden um etwas umsonst zu bekommen. Da aber hier in Roppongi Hills meist Büroangestellte einkaufen, denke ich, war ihnen dies vor den Kolleginnen und Kollegen zu peinlich.

Ist etwas Besonderes in dieser Zeit des Free Shops passiert?
SU Normalerweise gibt es zwischen den Kundinnen / Kunden und uns keine Konversation. Aber in diesem Projekt sprach ich mit ihnen und lächelte ganz natürlich. Der überraschte Blick der Kundinnen und Kunden war sehr interessant.
IM Ich stand nur einmal während des Projekts hinter der Kasse. Und es war sehr schwierig den Kundinnen und Kunden zu antworten, wenn sie fragten „Ist das wirklich umsonst?“ Es gab nur einen Kunden, der nochmals zur Kasse kam um herauszufinden, ob alles wirklich umsonst sei. Ich erwartete, dass er sich für teure Waren entscheiden würde. Aber er nahm nur drei Instant-Nudelpackungen und einen Riegel Schokolade.

Aus: Family Mart, Tokyo, in: Pernille Albrethsen, Jakob Fabricius (Hg. ),
Free Shop, Anything the customer wants to purchase is free, Kopenhagen, 2008

Goldin + Senneby, „Momentum Trading Strategy“ with Philip Grant (anthropologist and former equity fund manager), Donald MacKenzie (sociologist), 2013/2014
Goldin + Senneby, „Momentum Trading Strategy“ with Philip Grant (anthropologist and former equity fund manager), Donald MacKenzie (sociologist), 2013/2014
Coverdesign: Johan Hjerpe
Coverdesign: Johan Hjerpe
Isa Rosenberger, Espiral (A Dance of Death),
Video-Still und Installation, 2010/12
Isa Rosenberger, Espiral (A Dance of Death), Video-Still und Installation, 2010/12
Isa Rosenberger, Espiral (A Dance of Death),
Video-Still und Installation, 2010/12
Isa Rosenberger, Café Vienne, Testfoto, 2014 (work in progress)
Isa Rosenberger, Café Vienne, Testfoto, 2014 (work in progress)
Superflex, Free Shop/Tokyo, Foto und Kassenbon, 2003
Superflex, Free Shop/Tokyo, Foto und Kassenbon, 2003
Superflex, Free Shop/Tokyo, Foto und Kassenbon, 2003